Eine Chance für die Fachkräfte von morgen
Seit fast 20 Jahren gibt es für Lehrlinge in Tirol die Möglichkeit, neben ihrer Berufsausbildung kostenlos die Matura abzuschließen. Die zahlreichen Vorteile für die Teilnehmenden liegen auf der Hand, aber warum sollten Unternehmen die Lehre PLUS Matura fördern? Welche Herausforderungen können auftreten und wie kann eine konkrete Unterstützung der Lehrlinge aussehen? Wir haben bei den Tiroler Betrieben nachgefragt.
Erweiterte Qualifikationen für die Fachkräfte von morgen
Insgesamt sechs Lehrlinge der Landespolizeidirektion Tirol absolvieren derzeit das Programm „Lehre PLUS Matura“. Brigitte Spörr, Lehrlingsleiterin der LPD, betont: „Das Programm bietet den Vorteil, dass Lehrlinge sowohl praktisch als auch theoretisch umfassend ausgebildet werden. Dadurch können sie ihr erweitertes Wissen gezielt im Betrieb einbringen.“
Auch das Unternehmen EWA hebt die zusätzlichen Qualifikationen als Vorteil hervor: „Wir profitieren langfristig von hochqualifizierten Fachkräften, die nicht nur eine solide praktische Ausbildung im Betrieb, sondern auch eine weiterführende schulische Qualifikation besitzen. Sollten die Lehrlinge nach ihrer Ausbildung im Unternehmen bleiben, sind sie bestens vorbereitet für weiterführende Aufgaben, Spezialisierungen oder zukünftige Führungspositionen.“
Doch nicht nur bei großen Unternehmen findet das Programm Anklang: Nico, Inhaber des Betriebs Malerei & Beschriftungen JOE GmbH, sieht in Lehre PLUS Matura eine wertvolle Chance, fachliches Können mit einer höheren schulischen Bildung zu verbinden: „Gerade im Maler- und Beschriftungsbereich braucht es heute nicht nur Fachwissen, sondern auch Organisationstalent, Kundenkommunikation und kaufmännisches Verständnis. Für uns als Betrieb bedeutet das, dass wir junge Fachkräfte ausbilden, die über den Tellerrand hinausblicken. Das bringt neue Impulse ins Team und stärkt die Qualität unserer Arbeit.“
Gutes Zeitmanagement, Organisation und Kommunikation sind entscheidend
Das Lehre PLUS Matura Programm bringt allerdings auch für die Betriebe einige Herausforderungen mit sich, die vor allem in der Zeitplanung liegen. Nico erklärt: „Die größte Herausforderung ist eindeutig das Zeitmanagement. Gerade in einem handwerklichen Betrieb wie unserem gibt es saisonale Spitzenzeiten. Hier braucht es gute Planung und gegenseitiges Verständnis. Mit offener Kommunikation funktioniert das aber sehr gut.“
Auch bei der Landespolizeidirektion Tirol zeigt sich, dass die hohe Arbeitsbelastung und das umfangreiche Lernpensum fordernd sein können: „Eine zentrale Herausforderung ist die Kombination aus Matura und Berufsschule. Das Lernpensum ist entsprechend hoch, und die notwendige Abstimmung bei Freistellungen während der Berufsschulzeit erfordert gute Organisation, damit keine Lernrückstände entstehen“, erklärt Brigitte Spörr. Die Abstimmung der Arbeitszeiten und die rechtzeitige Freistellung für Prüfungen und Lernphasen sind somit für einen reibungslosen Ablauf ausschlaggebend.
So unterstützen Betriebe ihre Lehrlinge
Für den Erfolg des Programms ist es wichtig, dass die Betriebe hinter ihren Lehrlingen stehen und sie unterstützen, wie beispielsweise durch die Möglichkeit, während der Arbeitszeit zu lernen. Brigitte Spörr von der Landespolizeidirektion erklärt: „Die Lehrlinge erhalten bei uns die Möglichkeit, im Betrieb zu lernen, sobald ihre Arbeitsaufgaben erledigt sind und eine Prüfung ansteht. Zudem wird der Austausch untereinander gefördert. In bestimmten Fällen kann auch ein Nachmittag im Homeoffice für das Selbststudium genutzt werden.“
EWA bietet ihren Lehrlingen ebenfalls eine flexible Arbeitszeitgestaltung, damit sie ausreichend Zeit für das Lernen haben. „Wir bieten unseren Lehrlingen umfassende Unterstützung an. Dazu gehören unter anderem: Freistellungen für Kurse und Prüfungen, flexible Einteilung der Arbeitszeiten, um Lernphasen zu ermöglichen sowie Rücksichtnahme bei Arbeitsplänen“, erklärt die Geschäftsleitung.
Das Kleinunternehmen Malerei & Beschriftungen JOE setzt nicht nur auf die Flexibilität, sondern auch auf persönliche Betreuung: „Wir haben flexible Arbeitszeiten ermöglicht und sie bei wichtigen Prüfungsterminen freigestellt. Außerdem gab es immer wieder persönliche Gespräche, um die Belastung gut im Blick zu behalten.“
Hohe Motivation als Erfolgsfaktor
Die Doppelbelastung durch Arbeit und Maturavorbereitung erfordert von den Lehrlingen eine hohe Disziplin. Doch genau diese Herausforderungen sind es, die die Lehrlinge nicht nur fordern, sondern auch ihre persönliche und berufliche Entwicklung fördern. Dies hat auch die Geschäftsleitung des EWA beobachtet: „Unser Lehrling, der die Lehre PLUS Matura absolviert, bringt ein besonders hohes Maß an Motivation, Einstellung zum Lernen und Durchhaltevermögen mit. Er zeichnet sich durch große Zielstrebigkeit und Selbstorganisation aus, was sich auch positiv auf seine Leistungen im Betrieb auswirkt.“
Auch Nico betont: „Unsere Erfahrung war durchwegs positiv. Unsere ehemalige Auszubildende hat ein sehr hohes Maß an Eigenverantwortung und Disziplin gezeigt. Die Doppelbelastung erfordert viel Durchhaltevermögen – und genau diese Motivation hat man auch im Arbeitsalltag gespürt.“
Die Erfahrungen der Betriebe zeigen, dass das Programm nicht nur den Lehrlingen, sondern auch den Unternehmen zugutekommt, indem die Lehrlinge wertvolle zusätzliche Hard- sowie Softskills erhalten. Die genannten Tiroler Unternehmen fördern ihre Talente von morgen und positionieren sich somit als moderne Ausbildungsbetriebe.